Wer viel auf Achse ist, weiß ein komfortables Fahrzeug zu schätzen. Noch mehr, wenn ein ebenso feines Bett mit auf die Reise geht. Mercedes-Benz verbindet im neuen Marco Polo beides auf ausgesprochen luxuriöse Weise
Alle, die regelmäßig im Lkw unterwegs sind, wissen, dass das Übernachten im Fahrzeug keineswegs eine neue Erfindung der Campingindustrie ist. Fahrer verbringen seit Jahrzehnten einen beträchtlichen Teil ihres Lebens auf vier oder mehr Rädern. Dass man dabei auf eine vernünftige Matratze, ausreichend Stauraum und ein angenehmes Raumklima Wert legt, versteht sich von selbst. Im Fernverkehr ist das schließlich Alltag. Im Mercedes-Benz Marco Polo nennt man das Ganze allerdings Glamping. Und tatsächlich hat der kompakte Camper mit Stern einiges zu bieten, das selbst erfahrene Übernachtungsprofis beeindrucken dürfte.
Sportlicher Auftritt
Unser Testwagen präsentiert sich in der ausgesprochen attraktiven Lackierung Alpingrau, kombiniert mit der AMG Line und schicken 19-Zoll-Leichtmetallrädern. Das steht dem Marco Polo ausgezeichnet. Statt nach einem klassischen Campingbus sieht er nach einer besonders exklusiven V-Klasse aus. Erst die seitliche Markise und das Aufstelldach verraten seine zweite Berufung.
Unter der Motorhaube arbeitet der bekannte Zweiliter-Vierzylinder-Diesel OM 654 in seiner kräftigsten Ausführung. Mit 174 kW beziehungsweise 237 PS und satten 500 Nm Drehmoment ist der Marco Polo 300 d ausgezeichnet motorisiert. Die Kraftübertragung übernimmt die wunderbar harmonisch arbeitende 9G-TRONIC, in unserem Fall ergänzt um den permanenten Allradantrieb 4MATIC.
Das Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie. Der große Mercedes fährt sich ausgesprochen souverän, hängt ordentlich am Gas und lässt auch auf längeren Autobahnetappen keinerlei Wünsche hinsichtlich der Leistungsreserven aufkommen. Selbst auf den kurvenreichen Strecken ins Salzkammergut vermittelt der Marco Polo mehr das Gefühl einer komfortablen Großraumlimousine als jenes eines voll eingerichteten Reisemobils.
Einen wesentlichen Beitrag leistet die optionale AIRMATIC Luftfederung. Sie bügelt Fahrbahnunebenheiten gekonnt weg und verleiht dem Fahrzeug einen Fahrkomfort, den man bei einem Camper dieser Klasse durchaus nicht als selbstverständlich voraussetzen darf. Erfreulich ist beim entspannten cruisen auch sein Verbrauch von nicht einmal 9 Litern Diesel im Schnitt.
Zen-Oase
Beeindruckend ist die Verarbeitungsqualität des gesamten Innenausbaus. Wer schon einmal mit einem Campingfahrzeug über längere Strecken gefahren ist, kennt die Geräuschkulisse, die Möbel, Klappen und Schubladen mitunter entwickeln können. Hier ein Klappern, dort ein Scheppern und allerspätestens beim ersten Tankstopp beginnt die Suche nach dem Übeltäter.
Nicht so im Marco Polo. Die Einrichtung ist ausgesprochen hochwertig gefertigt und offenbar ebenso sorgfältig montiert. Selbst auf längeren Etappen herrscht angenehme Ruhe. Nichts knarzt, nichts scheppert, nichts nervt.
Zumindest solange man beim Einräumen der Bestecklade ordentlich arbeitet. Denn wenn es dann doch einmal aus Richtung Küchenblock klappert, liegt das weniger an Mercedes-Benz als am etwas nachlässigen Küchenpersonal an Bord.
Auch optisch gefällt der Wohnraum mit hochwertigen Oberflächen, elegantem Mobiliar und stimmiger Beleuchtung. Die Kombination aus schwarzem Leder, hellem Boden in Yachtoptik und geschmackvollen Details erzeugt eine Atmosphäre, die eher an eine kleine Luxusyacht als an einen gewöhnlichen Campingbus erinnert.
Ab ans Wasser
Passend zur Yachtoptik geht es für unseren Praxistest ins Salzkammergut. Ein schöner Platz an einem der herrlichen Seen, drei Personen an Bord und die Frage, wie viel Urlaub sich tatsächlich in einem Marco Polo unterbringen lässt.
Die Antwort fällt erfreulich positiv aus. Zu dritt ist das Raumangebot absolut ausreichend. Natürlich darf man keinen großzügigen Wohnwagen erwarten, aber die durchdachte Anordnung der Möbel, die drehbaren Vordersitze und der variable Wohnbereich machen aus dem kompakten Mercedes ein durchaus gemütliches Urlaubsdomizil.
Seine wahre Stärke spielt der Marco Polo allerdings schon bei der Ankunft aus. Denn während andere Camper noch nach Auffahrkeilen suchen, ihre Fahrzeuge mühsam ausrichten oder mit dem Dachaufbau beschäftigt sind, genügen beim Mercedes weitgehend zwei Menüpunkte und ein Knopfdruck. Das elektrische Aufstelldach EASY UP öffnet sich komfortabel, die Camper Level-Control nutzt die AIRMATIC Luftfederung, um kleinere Unebenheiten des Stellplatzes automatisch auszugleichen. Kein Herumprobieren mit Unterlegkeilen, kein mühsames Rangieren um die letzten Zentimeter. Das Fahrzeug richtet sich selbst aus. Gerade dieser unkomplizierte und schnelle Aufbau macht den eigentlichen Luxus aus. Ankommen, Dach hoch, nivellieren, Sessel rausstellen. Fertig. Das ist Glamping, wie wir es uns vorstellen.
Oben schläft es sich besser
Besonders gespannt waren wir natürlich auf die Schlafqualität. Schließlich ist das Nächtigen im Fahrzeug für unsere Branche ein durchaus vertrautes Thema. Der Marco Polo bietet zwei Schlafebenen. Unten lässt sich die Sitzbank zu einer Liegefläche verwandeln, die durch die Küchenzeile naturgemäß etwas schmal geraten ist. Für Kinder ist das absolut in Ordnung, auch eine einzelne Person findet ausreichend Platz. Zwei Erwachsene werden sich hier auf Dauer aber schon sehr mögen müssen.
Ganz anders präsentiert sich das Bett im Aufstelldach. Die Matratze ist schlichtweg herrlich! Hervorragender Liegekomfort, eine angenehme Unterfederung und genügend Platz sorgen für eine Schlafqualität, die man in einem Campingbus kaum erwarten würde. Wir gehen sogar so weit zu behaupten, dass man hier oben beinahe besser schläft als zu Hause. Dazu kommt das angenehme Raumgefühl unter dem geöffneten Dach. Mit dem See vor der Tür und frischer Luft im Schlafbereich entwickelt der Marco Polo eine besondere Qualität. Wer hier nach einer ausgiebigen Fahrt seinen wohlverdienten Schlaf findet, wird am nächsten Morgen nur ungern wieder aufstehen.
Die Küche bleibt kalt
Natürlich verfügt der Marco Polo auch über eine vollwertige kleine Küchenzeile mit Gaskocher, Spüle, Kühlbox und enorm viel Stauraum. Technisch ist also alles vorhanden, um sich unterwegs selbst zu versorgen. Aber sind wir ehrlich: Will man in einem derart schönen Fahrzeug bzw. in seinem Schlafzimmer wirklich ausgiebig kochen? Wir jedenfalls nicht unbedingt. Für den morgendlichen Espresso gibt es eine 220 Volt Steckdose, ein kleines Frühstück oder die schnelle Jause ist die Bordküche hervorragend geeignet. Wer richtig aufkochen möchte, sollte sich hingegen ein Vorzelt beziehungsweise einen Griller organisieren. Die seitliche Markise schafft dafür schon einmal eine angenehme Basis. Und im Salzkammergut gibt es bekanntlich auch genügend ausgezeichnete Wirtshäuser. Ein ordentliches Abendessen mit Blick auf den See hat schließlich ebenfalls etwas für sich.
Luxus auf Knopfdruck
Überhaupt ist es die Summe der vielen praktischen Details, die den Marco Polo so überzeugend macht. Die elektrische Dachbetätigung, die automatische Niveauregulierung, die hochwertige Einrichtung und das durchdachte Bedienkonzept nehmen dem Camping jene Mühen, die man sonst eben in Kauf nehmen muss. Über das Mercedes-Benz Advanced Control System lassen sich verschiedene Campingfunktionen bequem steuern. Man merkt, dass hier nicht einfach ein paar Möbel in einen Transporter geschraubt wurden, sondern dass Mercedes-Benz versucht, das gesamte Fahrzeug als Einheit zu denken.
Besonders angenehm: Nach dem Urlaub verwandelt sich der Marco Polo wieder in eine komfortable V-Klasse für den Alltag mit vier Sitzen und sehr großem Kofferraum, vor allem, wenn man die Matratze entfernt, die sich aber auch als praktische Querteilung eignet.
Der Preis des Luxus
Allerdings hat diese Kombination aus Fahrkomfort, Leistung und hochwertiger Campingausstattung ihren Preis. Unser üppig ausgestatteter Testwagen bringt es inklusive österreichischer Steuern – allen voran natürlich die NoVA (26% plus knapp 5.000 Euro Malus) auf stolze 170.276 Euro. Darin enthalten sind unter anderem die AMG Line, der Allradantrieb 4MATIC, die AIRMATIC samt Camper Level-Control, das elektrische Aufstelldach und zahlreiche weitere Komfortextras. Das ist eine ordentliche Ansage. Um dieses Geld bekommt man schließlich auch schon ausgewachsene Reisemobile mit deutlich großzügigeren Platzverhältnissen. Allerdings fahren sich die wenigsten davon so ausgezeichnet wie dieser Mercedes. Und schon gar nicht lassen sie sich im Alltag so unkompliziert einsetzen.
