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MAN präsentiert mit dem eTGX die Zukunft des Truck-Designs

MAN hat auf der IAA-Transportation den neuen eTGX präsentiert. Wir hatten die Gelegenheit seinen Schöpfer, Stephan Schönherr, Vice President und Head of Design & HMI bei MAN Truck & Bus SE, zu einem exklusiven Interview über die Designsprache der Marke, die Rolle des Fahrers und darüber, warum „Form follows function“ heute nicht mehr ausreicht zu treffen. 


Herr Schönherr, Sie prägen seit Jahrzehnten die Designsprache bei MAN. Was macht, in einem einzigen Satz formuliert, einen MAN aus?

Ein MAN ist freundlich und einladend, zeigt seine Löwen-Stärke und ist gleichzeitig, modern, dynamisch und zeitlos.

Wo beginnt die eigentliche Entwicklung eines neuen Lkw?

Idealerweise damit, dass alle relevanten Stakeholder von Anfang an zusammenarbeiten. Design und HMI müssen sehr früh eingebunden sein. Wir müssen z.B. wissen: Welche Kühlleistung brauchen wir? Wo sitzen technische, elektronische Komponenten? Wie viele Ablagen, Öffnungen oder Servicezugänge sind notwendig, HMI-Anforderungen und Anpassungen an das Bedien- und Ergonomiekonzept sind nötig?

Gerade beim Nutzfahrzeug muss alles extrem funktional sein. Service und TCO, sowie die Nutzer und Kundenanforderungen spielen eine zentrale Rolle. Je früher wir alle relevanten Anforderungen kennen, desto besser können wir sie in ein ganzheitliches Design & HMI integrieren.

Das heißt, Design beginnt lange vor der sichtbaren Außenhülle?

Absolut. Früher wurde viel von Hand gezeichnet, das machen wir teilweise auch heute noch. Aber wir gehen sehr schnell ins 3D und können eine Idee sofort mit Packaging und Konstruktion abgleichen.

Wir haben als Designer den Anspruch, nicht nur ein vorgegebenes Package hübsch zu verpacken, sondern selbst eine Vision einzubringen. Sonst entsteht schnell ein Fahrzeug, bei dem technisch zwar alles irgendwo untergebracht ist, das aber weder besonders attraktiv noch aerodynamisch optimal ist.

Wie wichtig ist Aerodynamik inzwischen für das Design?

Sehr wichtig. Aerodynamik und Effizienz sind große Themen geworden. Gleichzeitig ist aber auch der Mensch wichtiger geworden. Heute reicht es nicht mehr, einem Fahrer einfach ein Fahrzeug hinzustellen und zu sagen: Damit musst du fahren. Fahrerinnen und Fahrer achten sehr genau darauf, in welchem Fahrzeug sie arbeiten. Und im Zweifel wechseln sie zu einem Unternehmen, das ihnen das attraktivere Fahrzeug bietet.

Gilt der klassische Satz „Form follows function“ noch?

Nein! Ich würde heute eher sagen: Form follows demand oder form follows needs.

Manche technischen Funktionen könnten inzwischen kleiner gebaut werden, als es für den Menschen sinnvoll wäre. Ein Smartphone könnte man beispielsweise sehr klein machen – aber irgendwann kann man es nicht mehr vernünftig halten. Wenn man einfach sagt: „Form follows function, deshalb muss das so sein“, macht man es sich manchmal zu leicht. Am Ende geht es um die Bedürfnisse des Menschen.

Und dazu kommen noch zahlreiche technische und gesetzliche Vorgaben. Wie viel gestalterischer Spielraum bleibt da überhaupt?

Erstaunlich viel. Genau darin liegt die große Kunst des Nutzfahrzeugdesigns: Aus einer grundsätzlich funktionalen anforderungsorientierten Form etwas Attraktives und Praktisches für den Benutzer, die Umwelt und die Marke zu machen.

Bei MAN arbeiten wir bewusst evolutionär statt revolutionär. Der Kunde soll Orientierung behalten. Ein MAN entwickelt sich weiter, muss aber immer als MAN erkennbar bleiben.

Natürlich verändern sich einzelne Merkmale. Vielleicht braucht man an einer Stelle mehr Kühlluft, ein Spiegel fällt weg oder neue technische Möglichkeiten entstehen. Aber die grundlegende Designsprache bleibt.

Was hat sich an der aktuellen Generation besonders verändert?

Wir haben die Flächen deutlich aufgeräumt und viele Öffnungen in der Front geschlossen. Dadurch wirkt das Fahrzeug homogener und ruhiger.

Dazu kommen neue Funktionen wie unser aerodynamisches Power Blade. Dort bringen wir Air Curtains, Licht und Kühlung zusammen. Das ist genau die Art von Lösung, die ich spannend finde: mehrere Funktionen intelligent verbinden und daraus gleichzeitig ein starkes Designelement machen.

Ihr zweiter großer Verantwortungsbereich ist HMI - wie entwickelt man das Interieur eines Lkw richtig?

Um den Menschen herum. Ganz klar. Ein Nutzfahrzeug ist ein Werkzeug, welches man gerne benutzen möchte. Ergonomie und intuitive Bedienbarkeit ist eines unserer wichtigsten Ziele. „Simplifying Business“. Alles, was bedient wird, muss intuitiv bedien- und erreichbar sein. Wir unterscheiden sehr bewusst zwischen unterschiedlichen Bedienentfernungen. Die Monitore müssen wegen optimaler Sicht weiter weg sitzen, während alles, was der Fahrer aktiv bedient, näher herankommt. So bauen wir den Innenraum Schritt für Schritt um den Menschen und seine Anforderungen herum. Am Ende geht es um die beste Kombination aus Nutzung und Funktion: alles, was notwendig ist – und nichts, was unnötig ist.

Welches Designelement gefällt Ihnen am neuen TGX persönlich am besten?

Besonders gefällt mir, wie das Design von der Seite in die Front hineinläuft und wie wir den Single Frame durchgängig gestaltet haben. Dazu kommen die ausgeprägten Lichtkanten, die schöne skulpturale Flächengestaltung und das Power-Blade-Band.

Wir haben insgesamt geglättet, weniger visuelle Aktivität und mehr Ruhe ins Fahrzeug gebracht.

Die Front wirkt dabei deutlich kraftvoller als früher.

Ja. Unser Gedanke war: Der Löwe reift an Erfahrung.

Früher war er vielleicht noch etwas generischer und gradliniger. Jetzt ist er majestätischer geworden.

Wir sagen immer: Die Scheinwerfer sind die Augen. Durch ihre neue Position entsteht ein stärkerer, orientierungsgebender Löwenblick. Focused Vision! Das Fahrzeug bleibt freundlich, wirkt aber gleichzeitig selbstbewusst und kraftvoll.

Warum ist Ihnen diese Emotionalität bei einem Nutzfahrzeug so wichtig?

Weil Fahrerinnen und Fahrer sehr viel Zeit in ihrem Fahrzeug verbringen. Sie sollen stolz darauf sein.

Wenn ich auf einen Rastplatz rolle, möchte ich sagen können: „Ich fahre einen MAN.“ Das Fahrzeug soll nicht nur funktionieren, sondern auch Selbstbewusstsein vermitteln, Attraktivität und Kraft ausstrahlen.

Deshalb unterstützen wir auch Individualisierung. Kunden und Fahrer sollen das Fahrzeug so gestalten können, dass es ihnen gefällt.

Wie sieht der Lkw der Zukunft aus?

Glattflächiger und aufgeräumter. (lacht) Natürlich wird er kein Ei. Die Anforderungen aus Funktion und Anwendung bleiben bestehen. Wendekreis, Fahrzeuglänge und das Zusammenspiel mit dem Trailer setzen Grenzen. Aber Nutzfahrzeuge werden sich weiterentwickeln und sich in manchen Bereichen stärker an Pkw orientieren – vor allem bei Ergonomie, Komfort und Bedienung.

Was wird sich im Innenraum verändern?

Der Raum wird weiter aufgewertet werden. Licht, Helligkeit, Größe, Komfort, mehr Funktionen und Wohnlichkeit werden wichtiger. Gleichzeitig brauchen wir flexiblere und modularere Konzepte. Ein Fahrer im Baustelleneinsatz hat andere Bedürfnisse als jemand im Fernverkehr. Wir wollen noch genauer auf diese unterschiedlichen Anforderungen eingehen. Fahrerinnen und Fahrer stehen für uns im Design und HMI klar im Mittelpunkt. Natürlich muss die TCO stimmen – aber letztlich muss das Fahrzeug für den Menschen hervorragend funktionieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

09.10.2026

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