
BYD greift im europäischen Lkw-Markt an. Executive Vice President Stella Li spricht dabei im Exklusivinterview mit Florian Engel auf der IAA-Transportation in Hannover darüber, warum BYD Ladeinfrastruktur, Batteriespeicher, Photovoltaik, Finanzierung und Service zu einem Gesamtpaket verbinden will – und weshalb der chinesische Konzern langfristig auch seine Lkw in Europa produzieren möchte.
Mit dem ETT 44 hat BYD auf der IAA Transportation sein neues Flaggschiff für den europäischen Schwerlastverkehr vorgestellt. Der vollelektrische Sattelzug soll mit Flash Charging, großer Blade Battery und einem neuen Geschäftsmodell vor allem Flottenbetreiber überzeugen.
Für Stella Li, Executive Vice President von BYD, ist das Fahrzeug aber nur ein Teil der Strategie. Im Gespräch mit 1Truck macht sie deutlich: BYD will nicht lediglich einen weiteren batterieelektrischen Lkw auf den Markt bringen, sondern die Energieversorgung rund um den Lkw gleich mitdenken.
Frau Li, wie sehen Ihre konkreten Pläne für den Start der BYD-Lkw in Europa aus?
Unser Fokus liegt zunächst auf großen Flottenkunden. Wir arbeiten mit großen Logistikunternehmen und Flottenbetreibern an Demonstrations- und Testprojekten. Wir wollen gemeinsam erfolgreiche Referenzprojekte schaffen und zeigen, dass die Elektrifizierung im realen Betrieb funktioniert.
Beim ETT 44 planen wir die ersten Auslieferungen im zweiten Quartal 2027. Andere elektrische Nutzfahrzeuge haben wir bereits im Einsatz, beispielsweise Sattelzugmaschinen für Hafenanwendungen sowie kleinere Lkw. Damit können wir unseren Kunden künftig ein breites Portfolio anbieten.
Beginnen Sie dabei in ausgewählten europäischen Ländern oder folgen Sie den großen Kunden und deren Transportnetzen?
In der ersten Phase orientieren wir uns stark an den sogenannten Flagship Projects. Wir arbeiten mit großen Logistikunternehmen und Flotten zusammen und schauen uns an, wo wir gemeinsam eine wirklich überzeugende Lösung realisieren können.
Ab Anfang 2027 wollen wir dann unser Netzwerk weiter ausrollen. Wenn wir uns für einen Markt entscheiden, betrachten wir nicht nur einzelne Fahrzeuge, sondern das gesamte Land und die Infrastruktur, die unsere Kunden dort benötigen.
Heißt das: Wenn ein großer Logistiker eine bestimmte Route elektrifizieren möchte, baut BYD die entsprechende Infrastruktur dazu?
Genau das ist einer der Ansätze. Wir möchten Projekte realisieren, bei denen wir das komplette Ökosystem liefern können: Photovoltaik zur Stromerzeugung, Batteriespeicher, Ladeinfrastruktur und eine größere Flotte elektrischer Lkw.
An geeigneten Standorten kann auf diese Weise ein sehr hoher Grad an Elektrifizierung erreicht werden. Unser Ziel ist nicht, einfach nur einen Lkw zu verkaufen. Wir wollen eine komplette Lösung anbieten.
Viele europäische Hersteller haben inzwischen elektrische Lkw im Programm. Wollen Sie vor allem über den Preis angreifen?
Nein. Unser Fokus liegt nicht darauf, Wettbewerber über den Preis herauszufordern. Wir wollen etwas anderes in den Markt bringen: ein vollständiges Ökosystem.
Wenn Sie einen Elektro-Lkw verkaufen, lautet eine der ersten Fragen des Kunden: Wo kann ich ihn laden? Genau hier liegt derzeit eine der großen Herausforderungen im Lkw-Verkehr.
BYD verfügt über Kompetenzen bei Batterien, Energiespeichern, Photovoltaik und Ladeinfrastruktur. Diese Bereiche können wir miteinander verbinden. Deshalb sehen wir BYD nicht nur als Fahrzeughersteller. Wir sind ein Technologie- und Engineering-Unternehmen und können diese Fähigkeiten nun auch in den Lkw-Bereich übertragen.
Gerade die Netzanschlüsse sind für viele Transportunternehmen ein Problem. Die Stromnetze sind vielerorts ausgelastet. Wie wollen Sie das lösen?
Genau dort wird die Kombination mit Batteriespeichern interessant. Ein Standort benötigt dann nicht zwingend einen Netzanschluss mit der gleichen Leistung wie der Charger. Selbst wenn beispielsweise nur eine deutlich geringere Anschlussleistung vorhanden ist, kann ein großer Batteriespeicher die Energie sammeln und anschließend einen Flash Charger mit sehr hoher Leistung versorgen. Wir entwickeln außerdem Lösungen, bei denen Photovoltaik, Batteriespeicher und Flash Charging kombiniert werden. Dadurch wird die Ladeinfrastruktur wesentlich unabhängiger von einem extrem leistungsfähigen Netzanschluss. Das ist ein Vorteil von BYD: Wir kommen ursprünglich aus der Batterieentwicklung. Batterien sind eine unserer Kernkompetenzen.
BYD spricht beim ETT 44 von bis zu 1,5 Megawatt Ladeleistung. Wie wichtig ist die Ladegeschwindigkeit für den Erfolg elektrischer Lkw?
Sie ist entscheidend. Ein Lkw ist für seinen Betreiber kein Lifestyle-Produkt, sondern ein Arbeitsgerät und ein Geschäftsmodell. Mit dem Fahrzeug wird Geld verdient. Deshalb zählen Verfügbarkeit, Ladegeschwindigkeit und die Frage, wo geladen werden kann. In der Vergangenheit war es schwierig, Kunden vom Umstieg zu überzeugen, solange keine vollständige Lösung vorhanden war. Mit Flash Charging und unserem Energie-Ökosystem können wir diese Komponenten jetzt zusammenbringen.
Wird BYD bei Nutzfahrzeugen ausschließlich auf batterieelektrische Antriebe setzen?
Ja. Bei unseren Lkw setzen wir auf rein batterieelektrische Fahrzeuge. Bei Pkw ist die Situation anders. Dort gibt es Kunden, die noch nicht sofort vollständig auf ein Elektroauto umsteigen möchten. Deshalb bieten wir dort auch unsere DM-i Plug-in-Hybrid-Technologie mit großen elektrischen Reichweiten an. Beim Lkw wollen wir dagegen direkt den Schritt zum rein elektrischen Antrieb gehen – kombiniert mit sehr schnellem Laden.
Große Flotten wollen häufig nicht nur eine Sattelzugmaschine, sondern unterschiedliche Fahrzeugklassen aus einer Hand. Können Sie das bieten?
Das ist sehr wichtig. Genau das hören wir von großen Logistikunternehmen: Sie kaufen nicht nur einen einzigen Lkw-Typ. Sie benötigen unterschiedliche Fahrzeuge für unterschiedliche Aufgaben.
Deshalb bauen wir ein vollständiges Angebot auf. Vom leichteren Nutzfahrzeug mit 3,5to über Verteiler-Lkw bis hin zur schweren Sattelzugmaschine für 44to Gesamtzuggewichte wollen wir die relevanten Kategorien abdecken. So können große Kunden innerhalb eines Systems die Fahrzeuge auswählen, die sie für ihre jeweiligen Einsätze benötigen.
Wird BYD seine Lkw langfristig auch in Europa produzieren?
Langfristig wollen wir die Produkte, die wir in Europa verkaufen, auch hier produzieren.
Wir arbeiten an den Details. Das braucht Zeit, aber unsere Richtung ist klar: BYD möchte sich in Europa zu einem lokalen Hersteller entwickeln. Das sehen Sie bereits bei unseren Pkw. Unsere Produktionsaktivitäten in Ungarn werden hochgefahren, und wir investieren weiter in Europa.
Spielt dabei auch die Gefahr möglicher europäischer Importzölle auf chinesische Elektro-Lkw eine Rolle?
Natürlich mögen wir Zölle nicht. Sie sind aus unserer Sicht für niemanden von Vorteil. Aber als langfristig orientiertes Unternehmen müssen wir damit umgehen. Deshalb bereiten wir uns darauf vor, lokal zu produzieren. Wenn ein immer größerer Teil der Produktion in Europa stattfindet, verändert sich auch diese Diskussion. Unser langfristiges Ziel ist es, hier ein lokaler Produzent zu sein.
Haben Sie bereits ein konkretes Absatzziel für BYD-Lkw in Europa?
Nein, derzeit nennen wir kein Verkaufsziel. Viel wichtiger ist für uns, dass zuerst das Geschäftsmodell funktioniert. Wenn wir in einen Markt gehen, müssen sowohl das operative als auch das finanzielle Modell stimmen. Wir wollen deshalb mehr anbieten als lediglich die Finanzierung eines Fahrzeugs.
Meine Vorstellung ist eine Gesamtlösung, bei der ein Betreiber möglicherweise irgendwann nur noch eine einzige Rate bezahlt. Darin könnten das Fahrzeug, Energie beziehungsweise Strom, Service, Versicherung und weitere Leistungen enthalten sein. Wenn man die Einsparungen über einen langen Lebenszyklus von beispielsweise 15 Jahren betrachtet, verändert das die Wirtschaftlichkeit des Fahrzeugs fundamental. Deshalb glaube ich, dass wir nicht nur bei der Technik, sondern auch beim Geschäftsmodell einen Durchbruch brauchen.
Für einen Lkw-Betreiber ist Service mindestens genauso wichtig wie das Fahrzeug. Wie wollen Sie ein europaweites Servicenetz aufbauen?
Wir beginnen nicht bei null. BYD verfügt in Europa bereits über Ersatzteil-Distributionszentren und ein wachsendes Service-Netz für Pkw und andere Fahrzeuge. Diese Strukturen wollen wir auch für Nutzfahrzeuge nutzen und entsprechend erweitern. Viele unserer heutigen Flottenkunden kennen BYD bereits aus anderen Fahrzeugbereichen. Außerdem haben wir teilweise deutlich mehr Servicestützpunkte als reine Verkaufsstandorte. Diese bestehende Infrastruktur und unsere Erfahrung mit Ersatzteilen sind ein großer Vorteil beim Aufbau des Nutzfahrzeuggeschäfts.
Bei einem liegen gebliebenen Lkw muss allerdings jemand schnell zum Fahrzeug kommen. Planen Sie einen mobilen technischen Service?
Ja. Wir wollen verschiedene Ebenen kombinieren. Die erste Ebene wird digital sein. Mit KI-basierten Systemen wollen wir rund um die Uhr Unterstützung bieten. Bei kleineren Problemen können Techniker beispielsweise per Video helfen und den Fahrer oder Betreiber durch einzelne Arbeitsschritte führen. Daneben wird es selbstverständlich mobilen technischen Support geben – eine Art „Flying Doctor“. Solche Strukturen nutzen wir bereits in anderen Bereichen.
Die grundlegenden Technologien sind ähnlich: Elektromotor, Batterie und Leistungselektronik. Bei einem Lkw sind die Komponenten größer, aber für einen entsprechend geschulten Ingenieur bleiben die technischen Prinzipien dieselben.
Sie haben KI-Brillen für den Service erwähnt. Wie könnte das aussehen?
Daran arbeiten wir tatsächlich. Ein möglicher erster Einsatzbereich wäre unser Aftersales-Team.
Mit entsprechenden KI-gestützten Brillen könnte ein Mitarbeiter direkt am Fahrzeug Informationen erhalten oder mit Spezialisten verbunden werden. Langfristig sind auch Anwendungen denkbar, bei denen Fahrer bei einfachen Arbeiten unterstützt werden. Wir wollen beim Service deshalb nicht einfach das traditionelle Modell kopieren. Mit den heutigen Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz können wir ein intelligenteres Servicenetz aufbauen.
Wenn Sie die BYD-Strategie für den europäischen Lkw-Markt in einem Satz zusammenfassen müssten – was unterscheidet Sie von einem klassischen Lkw-Hersteller?
Wir wollen nicht einfach einen elektrischen Lkw verkaufen. Wir wollen die gesamte Lösung liefern – vom Fahrzeug über Batterie, Photovoltaik und Energiespeicher bis zum Flash Charging, zum Service und zum Geschäftsmodell. Genau darin liegt die Stärke von BYD: Wir können diese Technologien innerhalb eines Unternehmens miteinander verbinden.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
BYD ETT 44: die wichtigsten Eckdaten
Der auf der IAA-Transportation vorgestellte ETT 44 ist BYDs neue vollelektrische 4x2-Sattelzugmaschine für den europäischen Markt. Das Fahrzeug verfügt über eine 651-kWh-Blade-Batterie und soll eine Reichweite von bis zu 600 Kilometern erreichen. Die Antriebsleistung gibt BYD mit bis zu 750 kW beziehungsweise rund 1.000 PS an. Über das 1,5-MW-Flash-Charging-System soll sich die Batterie in rund 20 Minuten von 20 auf 80 Prozent laden lassen. BYD spricht dabei von bis zu 400 Kilometern zusätzlicher Reichweite innerhalb eines solchen Ladestopps. Neben dem ETT 44 baut BYD sein europäisches Nutzfahrzeugprogramm mit weiteren schweren 4x2- und 6x2-Fahrzeugen aus. Insgesamt soll das Angebot künftig Anwendungen von 3,5 bis 44 Tonnen abdecken.
