
Volvo Trucks setzt parallel auf batterieelektrische Antriebe, effiziente Verbrennungsmotoren und Gas. Im 1TRUCKTALK mit CR Florian Engel erklärt Patrick Dornig, Geschäftsführer Volvo Trucks Austria, welche Technologie für welche Einsätze geeignet ist, wann sich ein E-Lkw wirtschaftlich rechnet und warum Ladeinfrastruktur noch immer eine der größten Hürden für Transportunternehmen darstellt.
Volvo Trucks hat gerade die neue Generation seiner Elektro-Lkw vorgestellt, gleichzeitig aber auch einen neuen Dieselmotor. Wohin geht die Reise?
Die Geschwindigkeit, mit der derzeit neue Technologien auf den Markt kommen, ist beeindruckend – und entsprechend hoch ist natürlich auch der Investitionsbedarf. Wir entwickeln sowohl batterieelektrische Antriebe als auch Diesel und Gas weiter. Unser Ziel bleibt Zero Emission, aber dafür brauchen wir Transportlösungen für unterschiedliche Kunden und Einsatzbereiche.
Deshalb verfolgen wir eine Drei-Wege-Strategie: Elektro, hocheffiziente Verbrennungsmotoren und Gas. Entscheidend ist letztlich, welche Technologie für den jeweiligen Einsatz des Kunden am besten geeignet ist.
Diese Bandbreite wird man auch auf der IAA sehen?
Ja. Wir sind dort sehr stark vertreten und zeigen insgesamt 15 Fahrzeuge – elektrisch, mit Diesel- und mit Gasantrieb, jeweils mit der neuesten Antriebstechnologie. Sieben Fahrzeuge können auch auf der Teststrecke gefahren werden. Dabei wollen wir zeigen, dass auch der Verbrennungsmotor Teil der Transformation ist. Alternative Kraftstoffe spielen dabei eine wichtige Rolle. Unsere neuen Motoren sind beispielsweise für Biodiesel, HVO und Biogas freigegeben. Mit unserem Prototyp, eines Wasserstoff-Verbrennungsmotors werden wir noch ein zusätzliches Highlight auf der IAA zeigen.
Wenn Du einem Transportunternehmer heute einen Rat geben müssten: Welche Antriebsform ist für die kommenden fünf bis zehn Jahre die richtige?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Schon international unterscheiden sich die Märkte sehr stark. Für Österreich kann man aber sagen: 2026 sind noch mehr als 90 Prozent der Neuzulassungen von schweren Nutzfahrzeugen Verbrenner, und davon wieder über 99% Diesel.
Gleichzeitig wächst der Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge deutlich. Im ersten Halbjahr 2026 haben sie in Österreich bereits annähernd zehn Prozent der Neuzulassungen (gemäß Zulassungszahlen der Statistik Austria) erreicht. Das zeigt das Potenzial, aber auch, wie wichtig die Rahmenbedingungen sind – etwa Investitionsförderungen, Mautvorteile und andere wirtschaftliche Anreize.
Unsere Empfehlung lautet deshalb: Man muss für jeden konkreten Einsatz den passenden Antriebsstrang finden. Schon in der Kaufberatung analysieren wir, ob Diesel, batterieelektrisch oder Gas für das jeweilige Geschäftsmodell am sinnvollsten ist.
Aus Deiner langjährigen Elektro-Erfahrung – bei welchen Einsatzprofilen funktioniert der Elektro-Lkw heute bereits gut?
Vor allem im Nah- und Regionalverkehr sowie im Verteilerverkehr gibt es bereits sehr gute elektrische Lösungen. Sehr schwere Spezialanwendungen, etwa Holztransporte, würde ich derzeit noch ausnehmen. Neben der Strecke muss man allerdings immer die Ladeinfrastruktur und die langfristige Planung berücksichtigen. Ein Unternehmer sollte möglichst sicher wissen, dass er das Fahrzeug über vier oder fünf Jahre in einem vergleichbaren Einsatz betreiben kann. Technisch könnten wir heute mit unserem elektrifizierten Modellprogramm bereits rund 40 bis 45 Prozent der Anwendungsfälle am österreichischen Markt abdecken. Der tatsächliche Marktanteil liegt aber noch deutlich darunter.
Technisch möglich heißt aber noch nicht automatisch wirtschaftlich. Wann rechnet sich ein Elektro-Lkw?
Genau. Technisch funktioniert er in vielen Anwendungen bereits sehr gut. Wirtschaftlich war das bisher in vielen Fällen durch Förderungen darstellbar. Jetzt kommen wir aber in eine Phase, in der sich der Elektro-Lkw zunehmend auch ohne Förderung rechnen muss. Dafür braucht es eine genaue TCO-Betrachtung. Wir rechnen mit dem Kunden individuell durch, wie Fahrzeugkosten, Energie, Maut und Laufleistung zusammenspielen. Ein Beispiel: Bei einem elektrischen 4x2-Standardmodell liegen wir in einer sechsjährigen Operate-Leasing-Variante bei rund 4.100 Euro monatlich. Ein vergleichbarer Diesel-Sattelzug liegt ungefähr bei 2.700 Euro. Diese Mehrkosten können jedoch teilweise über niedrigere Betriebskosten kompensiert werden. Bei den Energiekosten sind Einsparungen von bis zu 50 Prozent möglich, bei der Maut beträgt der Vorteil in Österreich derzeit 75 Prozent. Je höher die Laufleistung, desto interessanter wird die Rechnung. Bei rund 100.000 Kilometern pro Jahr, einem hohen Autobahnanteil und einem langfristig planbaren Einsatz kann sich ein Elektro-Lkw auch ohne Förderung nach etwa drei bis vier Jahren amortisieren.
Apropos Wirtschaftlichkeit. Reichweitenangaben unter Idealbedingungen helfen im Alltag wenig. Was ist mit der neuen Generation realistisch möglich?
Bis zum ersten Halbjahr 2026 lagen unsere vollelektrischen Modelle bei Reichweiten von bis zu rund 300 Kilometern. Mit der neuen Generation erhöhen wir diese deutlich. Die aktuellen 4x2-Modelle und Fahrgestelle kommen auf bis zu rund 450 Kilometer. Unser neues Flaggschiff, der FH Long Range als 6x2, erreicht bis zu 700 Kilometer. Dort arbeiten wir auch mit einem neuen Hinterachskonzept, um Eigengewicht, Nutzlast und Achslasten zu optimieren. Damit erweitern sich die möglichen Einsatzgebiete für elektrische Lkw erheblich.
Ein E-Lkw allein reicht nicht – der Unternehmer braucht auch Ladeinfrastruktur und Netzanschluss. Wie unterstützt Volvo dabei?
Das ist derzeit eine der größten Herausforderungen. Die Kunden brauchen Flexibilität und vor allem die Sicherheit, ihre Fahrzeuge zuverlässig laden zu können. Der Ausbau der Infrastruktur hält aus unserer Sicht noch nicht überall mit der Entwicklung der Fahrzeuge Schritt.
Deshalb arbeiten wir mit Energie- und Ladepartnern wie EVN, Smatrics, OMV oder Shell zusammen, um nur einige zu nennen. Gemeinsam beraten wir Kunden und planen die notwendige Ladeinfrastruktur möglichst frühzeitig mit. Zusätzlich setzen wir den Volvo Electric Range Simulator ein. Damit können wir den kompletten Einsatzzyklus des Kunden analysieren: Strecken, Fahrzeiten, mögliche Ladepunkte und Ladezyklen. So lässt sich bereits vor dem Fahrzeugkauf sehr genau prüfen, ob ein elektrischer Lkw zum Einsatzprofil passt.
Natürlich bleibt eine Herausforderung: Ändert sich das Geschäftsmodell oder die Route nach einigen Monaten grundlegend, muss die Planung neu bewertet werden. Genau deshalb ist Planungssicherheit für den Kunden so wichtig.
Für Transportunternehmer zählen auch Standzeiten, Reparaturkosten und Wiederverkaufswert. Welche Erfahrungen gibt es inzwischen mit Elektro-Lkw?
Mittlerweile haben wir hier durchaus Erfahrungswerte, weil wir schon relativ lange mit elektrischen Fahrzeugen am Markt sind. Die Zuverlässigkeit ist sehr hoch. Unser gesamtes Werkstattnetz ist für Elektrofahrzeuge zertifiziert und die Mitarbeiter sind entsprechend geschult. Auch bei der Ersatzteilversorgung bewegen wir uns bereits nahe am Niveau des Dieselgeschäfts. Aufgrund der noch deutlich geringeren Stückzahlen liegen natürlich nicht alle Teile in jeder Werkstatt auf Lager, aber auch hier funktioniert die Versorgung sehr gut – bis hin zur 24-Stunden-Versorgung. Über Wartungsverträge können außerdem die Kosten über die gesamte Laufzeit planbar gemacht werden. Das schließt auch Batterie und elektrische Komponenten ein. Beim Restwert bieten wir über Operating-Leasing-Modelle garantierte Restwerte. Der Unternehmer trägt damit am Ende der Nutzungsdauer nicht das Vermarktungsrisiko, sondern gibt das Fahrzeug an uns zurück.
Wir sehen inzwischen auch erste Nachfrage nach gebrauchten Elektro-Lkw. Die bisherigen Fahrzeuge bleiben überwiegend in Westeuropa, teilweise sogar in Österreich. Gerade für Unternehmen mit kurzen, täglichen Strecken kann ein gebrauchter Elektro-Lkw sehr interessant sein, wenn sich ein Neufahrzeug wirtschaftlich noch nicht rechnen würde.
Zum Abschluss: Wie beurteilst Du das Jahr 2026 – und den Ausblick auf 2027?
Für 2026 können wir bislang zufrieden sein. Angesichts der geopolitischen Unsicherheiten und der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bin ich persönlich sogar positiv überrascht, wie resilient die Wirtschaft ist. Die Auslieferungen im ersten Halbjahr liegen etwa auf dem Niveau von 2025. Der Gesamtmarkt (gemessen an den Neuzulassungen) wächst in Europa leicht, ebenso in Österreich. Hier kommt das Wachstum vor allem aus dem Elektrosegment. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich der Markt für elektrische schwere Nutzfahrzeuge gegenüber dem Vorjahreszeitraum ungefähr verdoppelt. Auch das Service- und Teilegeschäft entwickelt sich positiv. Die Fahrzeuge sind gut ausgelastet und erzielen hohe Laufleistungen.
Für das zweite Halbjahr und insbesondere für 2027 hoffen wir auf zusätzliche Impulse aus Industrie und Bauwirtschaft. Beide Bereiche sind für unser Geschäft sehr wichtig. Wenn sich diese Branchen weiter erholen, sollte auch der Nutzfahrzeugmarkt wieder stärker Fahrt aufnehmen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
