636 kWh Batterie, bis zu 730 kW Spitzenleistung und 42 Tonnen Zuggesamtgewicht: Mit dem e263S schließt SANY die vorerst letzte Lücke im europäischen E-Lkw-Programm. 1TRUCK fuhr die neue vollelektrische 4x2-Sattelzugmaschine auf einem Rundkurs um die europäische Zentrale von SANY und Putzmeister.
Da steht er also. Ganz links in der repräsentativen Lkw-Reihe vor der Putzmeister-Zentrale in Aichtal wirkt der SANY e263S fast ein wenig unspektakulär. Weiße Kabine, zwei Achsen, Sattelkupplung – eine ganz normale elektrische Sattelzugmaschine eben.
SANY ist angekommen
Mit deutlich über 100 verkauften Einheiten und etabliertem Servicenetz ist Sany mittlerweile in Europa angekommen. Der e263S ist für SANY in Europa mehr als nur ein weiteres Modell. Er komplettiert ein Programm, das hier bislang vor allem aus Fahrgestellen bestand: dem bereits bekannten vierachsigen e435, den wir 2025 mit der International Truck of the Year Jury fahren konnten, sowie den neuen dreiachsigen e345- und e360-Chassis. Im SANY-Portfolio für Europa steht nun zusätzlich der e263S als 4x2-Sattelzugmaschine mit 4.000 Millimeter Radstand für Baustellen- wie Logistikanwendungen – vom Kipper und Walking Floor bis zum Curtainsider, Container-, Kühl- oder Siloverkehr.
Klassisch ist das Chassis aufgebaut. 4x2, 4.000 Millimeter Radstand, 6,64 Meter Gesamtlänge und eine Sattelhöhe zwischen 1.160 und 1.180 Millimetern. Vorder- wie Hinterachse sind luftgefedert. Die technisch zulässigen Achslasten liegen bei neun Tonnen vorne und 13 Tonnen hinten.
1.000 PS an der eAchse
SANY kombiniert beim e263 eine 800-Volt-Architektur mit einer Dual-Motor-eAxle und einem Zweiganggetriebe. Die Dauerleistung gibt das Datenblatt mit 420 kW an, die Spitzenleistung mit satten 730 kW – umgerechnet beinahe 1.000 PS. Dazu kommen maximal 1.760 Nm auf Motorebene und bekanntlich ein Vielfaches am Rad.
Das ist eine Ansage, zumal wir beim ersten Date ohne Trailer unterwegs waren. Eine unbeladene Zugmaschine ist für einen Antrieb, der später bis zu 42 Tonnen Zuggesamtgewicht bewegen soll, keine Belastungsprobe. Interessant ist jedenfalls, dass der fahrfertige e263S relativ moderate 10,9 Tonnen auf die Waage bringt.
Der knapp 100 Kilometer lange Rundkurs um die Putzmeister und damit auch Sany Zentrale in Aichtal bei Stuttgart war deshalb vor allem Kennenlernen statt Verbrauchsfahrt. Der erste Eindruck ist nochmals deutlich hochwertiger als beim 2025er Fahrgestell. Die Kabine inklusive Interieur kann sich sehen lassen. Gerade die Vollluftfederung passt zum Anspruch des e263S. SANY positioniert ihn eben nicht nur als Hof- oder Verteilerzugmaschine, sondern als Fahrzeug, das auch einen langen Arbeitstag auf der Straße absolvieren soll. Selbst in unserem Solobetrieb fährt er sich sensationell ruhig. Ebenfalls sehr ausgereift ist der Antriebsstrang, den einzigen Schaltvorgang muss man schon bewusst suchen, um ihn wahrzunehmen.
636 kWh für 550 km
Beim Energiespeicher geht SANY gleich in die Vollen. 636 kWh LFP-Kapazität stehen im aktuellen Datenblatt. SANY nennt für den e263S eine Reichweite von mehr als 550 Kilometern. Geladen wird per CCS mit bis zu 400 kW. Spannend ist dabei das beidseitige „Dual Gun Charging“-Konzept, das – falls verfügbar – mit maximal 700 kW nachladen kann. Wer braucht schon Megawatt Charging?
Interessant wird es hinter der Kabine
Ein Punkt dürfte vor allem Aufbauhersteller und Spezialtransporteure aufhorchen lassen. SANY bietet gleich drei PTO-Varianten an. Neben einer elektrischen ePTO-Schnittstelle ist ein separater mechanischer Nebenantrieb mit eigenem E-Motor vorgesehen, der kurzzeitig 85 kW und dauerhaft 45 kW liefert. Zusätzlich gibt es einen Getriebe-PTO mit 210 kW Nennleistung und 980 Nm.
Das erklärt auch, warum SANY den e263S ausdrücklich nicht auf den klassischen Curtainsider-Fernverkehr beschränkt. Kippauflieger, Walking Floor und Silofahrzeuge stehen ebenso auf der Anwendungsliste. Gerade dort können leistungsfähige Nebenabtriebe darüber entscheiden, ob eine elektrische Zugmaschine in der Praxis ein vollwertiger Dieselersatz ist oder nur auf ausgewählten Touren funktioniert.
Inside SANY
Und damit hinein in die Kabine. SANY nennt sie schlicht „Cabin 329E high roof“. Wichtiger ist, was drinsteckt: annähernd ebener Boden ohne Motortunnel, digitales Fahrerdisplay, zentrales Multimedia-Display, luftgefederter Fahrersitz, Lenkrad- und Sitzheizung, Kühlschrank, Klimaautomatik, DAB+ und Bluetooth – die Ausstattung ist gut, die Materialien ebenso. Lediglich die Displays wirken etwas milchig, aber auch da geloben die Chinesen alsbaldige Besserung. Gleiches gilt auch für die Arretierung des Kühlschranks, der etwas voreilig beim Herausnehmen von kühlen Getränken zuschnappt und sich rasch wieder unter das Bett zurückziehen will.
Ein Detail aus der Präsentation fällt dabei besonders ins Auge des Betrachters: SANY spricht ausdrücklich mit einem „Digital cockpit with hard switches“. Also Display, ja – aber eben nicht die komplette Bedienung hinter verschachtelten Touch-Menüs verstecken. Für ein Arbeitsgerät ist das keine Nebensache. Ein Lkw-Cockpit muss nachts, mit Handschuhen und auf schlechter Straße funktionieren und nicht nur auf einem Messestand modern aussehen. Hier haben sie sehr aufmerksam zugehört bei der Entwicklung.
Optisch folgt der Arbeitsplatz inzwischen deutlich europäischen Gewohnheiten. SANY selbst spricht hier wiederum von einem „EU styled interior cabin design“. Man merkt daran, wohin die Entwicklung gehen soll: Der e263S soll nicht als billige elektrische Alternative toleriert werden, sondern im Idealfall als regulärer Wettbewerber. Bis dahin wird sicher auch die riesige aktuell einteilige Klappe für die drei Staufächer an der Kabinenfront dreiteilig ausgeführt sein.
Bei der Fahrerassistenz folgt SANY den gesetzlichen Anforderungen und fährt ein umfangreiches Paket auf: AEBS, Spurverlassenswarnung, Totwinkel- und Anfahrinformationssystem, Fußgänger- und Radfahrerwarnung, Müdigkeitswarner, ISA, ESC und EBS gehören ebenso dazu wie 360-Grad-Kamera und Parksensoren vorne.
China liefert, Aichtal schafft Vertrauen
Der e263S kommt zwar neu nach Europa, elektrische schwere Lkw sind für SANY selbst aber kein Experiment mehr. Kevin Eichele, Head of Product & Business Development SANY eTrucks Europe, präsentierte dazu Zahlen, die das Größenverhältnis ganz gut einordnen: „Allein 2025 haben wir in China 22.150 elektrische Sattelzugmaschinen ausgeliefert. Insgesamt sind somit mehr als 50.000 Stück in Betrieb und haben zusammen über 3,02 Milliarden Kilometer zurückgelegt. Allein von den elektrischen Mischern hat SANY 2025 6.041 Fahrzeuge in China abgesetzt und damit einen Marktanteil von 31,9 Prozent erzielt. Eichele fasst den Anspruch zusammen: „Transformation made affordable.“
Starkes Netzwerk
Das Wort „affordable“ wird für europäische Flottenkunden allerdings nicht allein am Kaufpreis entschieden. Entscheidend sind Verfügbarkeit, Reparaturzeiten, Ersatzteile und am Ende die Kosten pro Kilometer. Genau hier kommt Putzmeister ins Spiel. Das Unternehmen sitzt in Aichtal, beschäftigt rund 3.500 Mitarbeiter und erzielte 2024 einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro.
Für den e263S nennt SANY ein dreistufiges Servicekonzept aus Alltrucks beziehungsweise Kundenwerkstätten, Putzmeister-Service und schließlich Spezialisten für Hochvolt- und Batteriethemen sowie SANY R&D in China. Europaweit spricht das Unternehmen von 650 Servicewerkstätten, 24/7-Pannenhilfe und einer Ersatzteilverfügbarkeit von mehr als 95 Prozent aus einem deutschen Lager. Damit liegt wahrscheinlich die eigentliche Aufgabe der kommenden Monate weniger in der Technik als im Vertrauen. Ein chinesischer E-Lkw kann noch so viel Leistung, Batterie und Reichweite mitbringen – wenn der Transportunternehmer im Pannenfall nicht weiß, wer am Freitagabend das Diagnosegerät anschließt, helfen ihm 730 kW wenig.
Am e263S soll es nicht scheitern
Nach unserem kurzen Test wäre ein endgültiges Urteil über den SANY e263 unseriös. Insbesondere Verbrauch, tatsächliche Autobahnreichweite, Rekuperation mit 40 Tonnen, Verhalten des Zweiganggetriebes unter Last und Ladeperformance über eine komplette Schnellladesession müssen noch auf den Prüfstand. Was sich jetzt schon festhalten lässt: SANY kommt mit dem e263S nicht mit einem zaghaften Erstversuch nach Europa. 636 kWh, 800 Volt, 400 kW CCS inkl. Dual-Gun Charging, bis zu 730 kW Antriebsleistung, Vollluftfederung und drei PTO-Lösungen sind technisch ein ziemlich selbstbewusstes Paket. Dazu kommt eine Kabine, bei der die Entwickler offensichtlich stärker nach Europa geschaut haben als bei manchem früheren China-Truck.
Vor allem aber schließt der e263S eine strategische Lücke. Nach Vier- und Dreiachsern hat SANY jetzt auch die Zugmaschine im europäischen Programm.
