
Die SAG Group hat gemeinsam mit Daimler Truck ein straßenzugelassenes Tanksystem für flüssigen Wasserstoff entwickelt. Im Mercedes-Benz GenH2 Truck ermöglichte die in Österreich entwickelte Technologie bereits eine Fahrt über 1.047 Kilometer mit nur einer Tankfüllung. Damit rückt Flüssigwasserstoff als mögliche Antriebslösung für den emissionsfreien Lkw-Fernverkehr stärker in den Fokus.
Während sich batterieelektrische Antriebe zunehmend im Verteiler- und Regionalverkehr etablieren, stellt der schwere Fernverkehr andere Anforderungen. Hohe Tagesfahrleistungen, möglichst kurze Tank- beziehungsweise Ladezeiten und eine hohe Nutzlast gehören zu den entscheidenden Faktoren. Eine mögliche Ergänzung zum batterieelektrischen Antrieb sind Brennstoffzellen-Lkw, die mit Wasserstoff betrieben werden.
Insbesondere flüssiger Wasserstoff – Liquid Hydrogen, kurz LH₂ – bietet aufgrund seiner höheren Energiedichte gegenüber gasförmig gespeichertem Wasserstoff Vorteile für große Reichweiten. Die Speicherung stellt Entwickler allerdings vor erhebliche technische Herausforderungen: Wasserstoff wird erst bei Temperaturen von rund minus 253 Grad Celsius flüssig. Tanksysteme müssen diese extrem niedrige Temperatur beherrschen und gleichzeitig die hohen Sicherheitsanforderungen des Straßeneinsatzes erfüllen.
Kryotechnik aus Salzburg
An einer entsprechenden Lösung hat die österreichische SAG Group in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Daimler Truck gearbeitet. Die Ingenieurinnen und Ingenieure entwickelten am SAG-Standort Lend ein neuartiges LH₂-Kryotanksystem für schwere Nutzfahrzeuge.
Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich dabei um den weltweit ersten für den Straßeneinsatz zugelassenen Flüssigwasserstofftank dieser Art. Neben der sicheren Speicherung bei extrem niedrigen Temperaturen standen bei der Entwicklung vor allem eine zuverlässige Wasserstoffversorgung des Brennstoffzellensystems, kurze Betankungszeiten und eine möglichst hohe Reichweite im Mittelpunkt.
Welche Distanzen mit der Technologie möglich sind, demonstrierte Daimler Truck bereits mit seinem sogenannten „Hydrogen Record Run“.
1.047 Kilometer mit einer Tankfüllung
Ein Mercedes-Benz GenH2 Truck mit einem Gesamtgewicht von rund 40 Tonnen legte dabei mit einer Tankfüllung flüssigen Wasserstoffs 1.047 Kilometer zurück. Die Fahrt wurde vom TÜV Rheinland begleitet und bestätigt.
Der Versuch sollte insbesondere zeigen, welches Reichweitenpotenzial die Kombination aus Brennstoffzellenantrieb und Flüssigwasserstoff für schwere Fernverkehrsfahrzeuge bietet. Lokal entstehen beim Betrieb des Brennstoffzellensystems keine CO₂-Emissionen.
Inzwischen geht die Entwicklung über einzelne Demonstrationsfahrten hinaus. Erste GenH2 Trucks werden von Industrieunternehmen in Europa im regulären Praxiseinsatz erprobt. Die dabei gewonnenen Daten und Erfahrungen sollen in die weitere Fahrzeugentwicklung sowie in die Vorbereitung eines möglichen Serieneinsatzes einfließen.
Eine wesentliche offene Frage bleibt allerdings die Infrastruktur. Ein flächendeckendes Netz geeigneter LH₂-Tankstellen für schwere Nutzfahrzeuge existiert bislang nicht.
„Mit dem LH₂-Tanksystem lösen wir ein technisches Problem, an dem sich viele versucht haben: minus 253 Grad, sicher und alltagstauglich. 1.047 Kilometer ohne Emission sind kein Testlauf, sondern ein Beweis. Die Infrastruktur muss jetzt folgen. Nicht als Bedingung, sondern als nächster logischer Schritt“
Dr. Karin Exner-Wöhrer, CEO der SAG Group

Flüssigwasserstoff als Baustein im Antriebsmix
Ob und in welchem Umfang sich Flüssigwasserstoff im europäischen Straßengüterverkehr durchsetzen wird, hängt neben der Fahrzeugtechnik vor allem vom Aufbau einer entsprechenden Tankinfrastruktur sowie von der Verfügbarkeit und den Kosten erneuerbar erzeugten Wasserstoffs ab.
Für besonders energieintensive Anwendungen und hohe Tagesfahrleistungen könnte die Technologie künftig eine Alternative beziehungsweise Ergänzung zu batterieelektrischen Antrieben darstellen. Gerade im internationalen Fernverkehr spielen neben der Reichweite auch Betankungsdauer und Nutzlast eine entscheidende Rolle.
Für SAG ist die Entwicklung des Kryotanks zugleich Teil einer längerfristigen Ausrichtung auf Leichtbau- und Kryotechnologien. Forschung und Entwicklung werden am Standort in Salzburg gebündelt. Das dort aufgebaute Know-how soll unter anderem europäischen Nutzfahrzeugherstellern bei der Entwicklung neuer Antriebskonzepte zur Verfügung stehen.
Vom Aluminiumtank zum LH₂-System
Die heutige SAG Group geht auf die 1898 gegründete Salzburger Aluminium AG zurück. Das Unternehmen beschäftigt rund 950 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an neun Standorten in Österreich, den Niederlanden, der Slowakei, Spanien, Mexiko und den USA.
SAG ist unter anderem als Hersteller von Aluminiumtanks für Nutzfahrzeuge tätig und beliefert verschiedene Fahrzeughersteller. Darüber hinaus entwickelt das Unternehmen kryogene Tanksysteme für LNG und LH₂ sowie Leichtbaukomponenten für Fahrwerke, Luft- und Druckluftbehälter und Spezialkomponenten für Pkw, Nutz-, Schienen- und Sonderfahrzeuge.
2025 erzielte die Unternehmensgruppe nach eigenen Angaben einen Umsatz von rund 160 Millionen Euro.
Mit dem in Österreich entwickelten LH₂-Kryotank liefert SAG nun eine der Schlüsselkomponenten für die weitere Erprobung von Flüssigwasserstoff im schweren Straßengüterverkehr. Der Reichweitenrekord des GenH2 Truck zeigt, dass die Technologie technisch große Distanzen bewältigen kann. Entscheidend für einen breiteren Einsatz wird nun sein, ob Fahrzeugtechnik, Wasserstoffproduktion und Tankstelleninfrastruktur gemeinsam den Schritt in Richtung wirtschaftlichen Serienbetrieb schaffen.
