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Die Branche hat ihre Hausaufgaben gemacht

Die europäische Nutzfahrzeugindustrie befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Während Hersteller massiv in emissionsfreie Antriebe, softwaredefinierte Fahrzeuge und digitale Mobilitätslösungen investieren, stellen geopolitische Spannungen, steigende Energiekosten und unzureichende Infrastruktur die Branche vor große Herausforderungen.

Im Vorfeld der IAA TRANSPORTATION 2026 sprach Gianenrico Griffini, italienischer Juror der International Truck of the Year (IToY) Jury und Chefredakteur des Fachmagazins Allestimenti & Trasporti, mit Jürgen Mindel, Geschäftsführer des Verband der Automobilindustrie (VDA). Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die Zukunft des Straßengüterverkehrs, die Rolle alternativer Antriebe sowie die politischen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Transformation.

Allestimenti & Trasporti: Herr Mindel, was dürfen Besucher von der IAA TRANSPORTATION 2026 erwarten? Welche Innovationen werden im Mittelpunkt stehen?

Jürgen Mindel: Hannover wird einmal mehr die Bühne für die Innovationskraft unserer Branche sein. Das diesjährige Motto „We deliver“ bringt genau auf den Punkt, wofür die Nutzfahrzeugindustrie steht: Wir sprechen nicht nur über die Zukunft, wir gestalten sie aktiv.

Die Besucher werden erleben, welche Fortschritte bei alternativen Antrieben, vernetzten und autonomen Fahrzeugen, digitalen Logistiklösungen sowie beim Ausbau der Ladeinfrastruktur erzielt wurden. Ein zentrales Thema werden außerdem softwaredefinierte Fahrzeuge sein. Software wird künftig eine Schlüsselrolle im Nutzfahrzeug spielen – sowohl auf den Messeständen als auch im Konferenzprogramm.

Allestimenti & Trasporti: Wie ist die Stimmung in der Branche wenige Wochen vor Messebeginn? Beeinflussen geopolitische Entwicklungen die strategischen Entscheidungen der Unternehmen?

Jürgen Mindel: Die Herausforderungen sind derzeit größer denn je. Handelskonflikte, steigender Protektionismus, US-Zölle oder Exportbeschränkungen für wichtige Rohstoffe setzen die internationale Arbeitsteilung zunehmend unter Druck.

Gleichzeitig hat Europa in den vergangenen Jahren deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Deshalb müssen Berlin und Brüssel dringend bessere Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehören weniger Bürokratie, niedrigere Energiekosten, neue Handelsabkommen und vor allem Technologieoffenheit.

Besonders kritisch sehen wir die aktuellen CO₂-Flottenvorgaben für schwere Nutzfahrzeuge. Die Industrie kann ihre Ziele nur erreichen, wenn gleichzeitig die notwendige Lade- und Wasserstoffinfrastruktur aufgebaut sowie die Stromnetze entsprechend ausgebaut werden. Auch die vorgesehenen Strafzahlungen müssen überprüft werden. In ihrer jetzigen Form gefährden sie nicht nur die Transformation, sondern auch den Industriestandort Europa und viele mittelständische Unternehmen. Jetzt ist ein realistischer Faktencheck notwendig.

Allestimenti & Trasporti: Die EU verfolgt ambitionierte Klimaziele. Reichen die Rahmenbedingungen für die Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs aus?

Jürgen Mindel: Nein. Gerade im schweren Güterverkehr werden wir künftig alle verfügbaren Technologien benötigen.

Batterieelektrische Fahrzeuge werden sowohl im Regional- als auch zunehmend im Fernverkehr eingesetzt werden. Gleichzeitig wird Wasserstoff überall dort eine wichtige Rolle spielen, wo besonders große Reichweiten erforderlich sind.

Dafür brauchen wir jedoch eine europaweit leistungsfähige Infrastruktur. Das gilt sowohl für Schnellladepunkte als auch für Wasserstofftankstellen. Die Unterschiede innerhalb Europas zeigen den Handlungsbedarf deutlich: In Italien gibt es derzeit lediglich 16 Ladepunkte für Lkw über 16 Tonnen, in Deutschland sind es 54 und in Frankreich bereits 94. Hier muss die Politik deutlich schneller handeln.

Allestimenti & Trasporti: Können steigende Kraftstoffpreise die Transformation zusätzlich beschleunigen?

Jürgen Mindel: Entscheidend ist letztlich die Gesamtwirtschaftlichkeit eines Fahrzeugs – also die Total Cost of Ownership (TCO).

Dabei geht es nicht nur um den Anschaffungspreis, sondern ebenso um Energiekosten, Infrastruktur und den gesamten Service rund um das Fahrzeug. Um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen, brauchen wir einen technologieoffenen Ansatz. Batterieelektrische Antriebe, Wasserstoff sowie synthetische Kraftstoffe werden gemeinsam ihren Beitrag leisten.

Allestimenti & Trasporti: Wie international wird die IAA TRANSPORTATION 2026 sein?

Jürgen Mindel: Die Messe bestätigt erneut ihre weltweite Bedeutung. Die Ausstellungsflächen sind nahezu vollständig ausgebucht.

Besonders freut uns die Rückkehr großer Hersteller wie Renault Trucks und Mercedes-Benz Vans nach Hannover. Rund 70 Prozent aller Aussteller kommen aus dem Ausland. Besonders stark vertreten sind Unternehmen aus China, der Türkei und Italien. Damit bleibt die IAA TRANSPORTATION die internationale Leitmesse für die Nutzfahrzeugbranche.

Allestimenti & Trasporti: In China ist bereits ein hoher Anteil der neu zugelassenen Lkw elektrisch unterwegs. Europa liegt deutlich zurück. Wie lassen sich die Klimaziele dennoch erreichen?

Jürgen Mindel: Rund 30 Prozent der CO₂-Emissionen des europäischen Straßenverkehrs entfallen auf den schweren Güterverkehr. Genau deshalb besitzt dieser Bereich ein enormes Potenzial für die Dekarbonisierung.

Unsere Überzeugung ist klar: Nur mit einem technologieoffenen Mix aus batterieelektrischen Fahrzeugen, Wasserstoff und synthetischen Kraftstoffen werden wir die Klimaziele erreichen. Die Industrie hat ihre Hausaufgaben gemacht und zeigt auf der IAA TRANSPORTATION eindrucksvoll, welche Lösungen bereits heute verfügbar sind. Jetzt müssen die politischen Rahmenbedingungen mit derselben Geschwindigkeit nachziehen.

23.07.2026

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