Als echter österreichischer Autotester ist man ja einmal grundsätzlich allem Neuen gegenüber skeptisch. Wenn’s dann auch noch aus China kommt, schaltet sich automatisch dieses innere Warnlämpchen ein. „Na schau ma mal“, sagt der Österreicher in so einem Fall. Was meistens übersetzt bedeutet: So a Schas, aber bitte.
Und ich gebe es offen zu, ich bin ähnlich an den Omoda 9 herangegangen.
Ein Name, den vor einem Jahr noch kaum jemand kannte. Ein chinesischer Hersteller. Ein SUV. Und dann noch ein Plug-in-Hybrid. Also genau jene Kategorie Auto, bei der man sich oft fragt, ob sie wirklich jemand verstanden hat oder ob da einfach möglichst viele Buzzwords in einen Konfigurator gefallen sind.
Umso größer war die Überraschung!
Denn der Omoda 9 hat mich nicht nur positiv überrascht. Er hat mich regelrecht eines Besseren belehrt.
Schon beim ersten Einsteigen fällt auf: Das hier ist nicht irgendein halbherziger Versuch, europäische Premiumhersteller zu kopieren. Die Verarbeitung ist erstklassig. Nichts knarzt, nichts wirkt billig oder zusammengeschustert. Die Materialien fühlen sich hochwertig an, die Oberflächen sauber verarbeitet. Dazu kommt ein Alcantara-Dachhimmel, der dem Innenraum eine fast schon unverschämt noble Atmosphäre gibt.
Und dann diese Sitze.
Vorne gibt’s Ledersitze mit Klimatisierung, Heizung und Massagefunktion. Hinten elektrisch verstellbare Lehnen, ebenfalls klimatisierte Sitze. Ja, richtig gelesen: hinten klimatisiert. In einem Auto für unter 50.000 Euro. Da verlangen andere Hersteller schon Aufpreis dafür, dass die Sitzheizung überhaupt funktioniert.
Natürlich fehlt auch der heutige Technik-Zirkus nicht: großes Dual-Display, Head-up-Display, kabelloses Apple CarPlay und Android Auto, 14-Lautsprecher-Soundsystem von Sony, 540-Grad-Kamera, Panorama-Schiebedach und praktisch jeder Assistenzhelfer, den die Zulassungsbehörde aktuell erlaubt.
Aber Ausstattung allein macht noch kein gutes Auto
Entscheidend ist immer: Wie fährt sich das Werkl?
Und genau da legt der Omoda 9 richtig los.
537 PS Systemleistung sind keine Zahl fürs Stammtischprotokoll, sondern ernst gemeint. Der Plug-in-Hybrid liefert 395 kW, sprintet in 4,9 Sekunden auf Tempo 100 und hängt dabei erstaunlich souverän am Gas. Das Fahrgefühl ist hochwertig, satt und erwachsen. Kein nervöses Gepolter, keine künstliche Sportlichkeit. Sondern dieses angenehme Gefühl, dass das Auto jederzeit kann, aber nicht ständig beweisen muss, dass es könnte.
Besonders angenehm: Trotz der ganzen Elektrifizierung bleibt der Omoda alltagstauglich. Wer laden will, lädt. Wer keine Lust auf, die mittlerweile manchmal fast religiös geführten E-Lade-Rituale hat, fährt ihn einfach wie einen anständigen Benziner. Genau das macht einen guten Plug-in-Hybrid aus: Er zwingt niemandem irgendeine Ideologie auf.
Mit bis zu 145 Kilometern elektrischer Reichweite kommt man im Alltag ohnehin erstaunlich weit rein elektrisch. Und wenn’s auf die Langstrecke geht, fährt man einfach weiter. Ohne Reichweitenangst, ohne Ladeplanung und ohne Apps, die einem erklären wollen, warum die Säule gerade wieder beleidigt ist.
Und jetzt kommt der Teil, bei dem man endgültig ungläubig zu rechnen beginnt
Das alles gibt es um 48.990 Euro. Vollausstattung. Kein Konfigurator-Wahnsinn, keine zehn Ausstattungslinien, kein „das kostet extra“. Einfach alles drin. Und als zusätzliches Zuckerl: Weil Plug-in-Hybrid gibt’s in Österreich auch noch eine NoVA-Befreiung dazu. Herrlich.
Bleibt am Ende die unangenehme Erkenntnis für die etablierte Konkurrenz:
Die müssen sich warm anziehen.
Denn wenn chinesische Hersteller Autos auf diesem Niveau bauen und gleichzeitig derart aggressiv bepreisen, wird das in den kommenden Jahren ziemlich ungemütlich für jene Marken, die bisher glaubten, Premium sei automatisch eine Frage des Logos. Jetzt bleibt nur noch die Frage offen, wie langlebig der Omoda ist. Aber das werden wir dann in 3-5 Jahren beantworten können.
Der Omoda 9 ist jedenfalls eines dieser Autos, bei denen man nach dem Test als geläuterter Mensch aussteigt und sich sagt:
Egal wie gut Du etwas kannst, es gibt immer einen Chinesen der es besser kann.
C.T.K.
