Es gibt so Begriffe, bei denen man als Biker reflexartig zusammenzuckt. „Automatisierung“ zum Beispiel. Oder „Assistenzsystem“. Und wenn dann irgendwo „E-Clutch“ draufsteht, denkt man zuerst an irgendeinen halbherzigen Roller-Komfort für Menschen mit Kupplungs Autismus.
Genau dort war ich auch.
Ich habe ehrlich gesagt anfangs gar nicht verstanden, was diese Honda E-Clutch eigentlich sein soll. Halbautomatik? DCT light? Quickshifter mit Marketingnamen? Noch ein System, das versucht, Motorradfahren einfacher zu machen – und dabei alles kaputtmacht, was daran Spaß macht?
Nach den ersten Metern auf der neuen Honda CB750 Hornet war klar: komplett daneben gelegen.
Denn die E-Clutch verändert nicht den Charakter des Motorrads. Sie nimmt dir nur genau jene Arbeit ab, die im Alltag nervt – ohne dir dabei das Gefühl fürs Fahren wegzunehmen. Und genau das ist die eigentliche Sensation.
Kupplung? Brauchst eigentlich keine mehr
Die Hornet bleibt nämlich eine echte Handschalterin. Du schaltest weiterhin ganz klassisch mit dem Fuß, du spielst mit den Gängen, du hast weiterhin dieses direkte mechanische Gefühl zwischen Motor, Getriebe und Hinterrad.
Aber: Du musst die Kupplung nicht mehr ziehen.
Nicht beim Wegfahren.
Nicht beim Stop-and-Go.
Nicht beim Herunterschalten.
Nicht an der Ampel.
Das klingt zuerst nach Spielerei. Ist es aber überhaupt nicht. Vor allem im Stadtverkehr ist dieses System schlicht genial. Kein ständiges Kuppeln, kein Verkrampfen der linken Hand, kein Herumgehacke im dichten Verkehr. Du rollst an, schaltest hoch, bremst wieder runter – und die Honda erledigt das alles mit einer Geschmeidigkeit, die fast unheimlich ist. Die Gangwechsel funktionieren sauberer und sanfter als bei vielen Quickshiftern, dazu gibt’s beim Runterschalten automatisch perfekt dosiertes Zwischengas. Und trotzdem fühlt sich das Motorrad nie künstlich an. Genau das hat mich überrascht.
Landstraße? Dort zeigt die Hornet ihr wahres Gesicht
Auf der Landstraße bleibt die Hornet nämlich zu hundert Prozent Motorrad. Dort vergisst du nach wenigen Kurven sogar, dass die E-Clutch überhaupt existiert.
Der 755er-Parallel-Twin mit seiner 270-Grad-Zündfolge drückt herrlich aus der Mitte, hängt sauber am Gas und liefert genau diesen rotzigen Zweizylinder-Charakter, den ein Naked Bike braucht. 92 PS bei nur knapp unter 200 Kilo fahrfertig sind ohnehin eine Ansage, aber die Art, wie die Hornet ihre Leistung auf die Straße bringt, macht sie erst richtig gut.
Leichtfüßig, direkt und überraschend verspielt. Das Handling ist überhaupt eine der großen Stärken. Die Hornet kippt leicht in Schräglage, bleibt stabil und vermittelt sofort Vertrauen. Dazu passt die angenehm aufrechte Sitzposition ebenso wie das sauber abgestimmte Showa-Fahrwerk. Honda hat hier keinen übertechnisierten Highend-Exoten gebaut, sondern ein Motorrad, das einfach sofort funktioniert.
Die Sache mit der Gewohnheit
Natürlich gibt’s eine kleine Eingewöhnungsphase. Man muss sich daran gewöhnen, dass das System deaktiviert wird, sobald man die Kupplung einmal manuell benutzt. Das habe ich auf die klassische Art gelernt – nämlich indem mir die Hornet an der ersten Ampel abgestorben ist, weil ich reflexartig doch wieder zum Hebel gegriffen habe und danach kurz verwirrt war, warum plötzlich wieder alles „normal“ funktioniert.
Nach diesem einen Moment hatte ich’s aber intus. Und danach wollte ich das System eigentlich nicht mehr missen. Weil Honda hier etwas geschafft hat, das vielen Herstellern bei solchen Technologien nicht gelingt: Die E-Clutch ersetzt nicht das Motorradfahren. Sie macht nur die mühsamen Teile davon angenehmer.
Fazit: Genau so muss moderne Technik funktionieren
Die CB750 Hornet bleibt genau das, was eine Hornet immer sein sollte: schnell, agil, unkompliziert und verdammt spaßig. Der Motor begeistert mit starkem Durchzug und Charakter, das Fahrwerk liefert präzises Handling ohne Nervosität und die gesamte Ergonomie funktioniert sofort.
Die große Überraschung bleibt aber die E-Clutch. Ein System, das man zuerst belächelt – und nach 10 Minuten nicht mehr missen möchte.
C.T.K.
