Die Motorradwelt wird jedes Jahr digitaler. Mehr Displays, mehr Sensoren, mehr Assistenzsysteme, mehr Zeug, das piepst, blinkt oder sich mit irgendwas verbinden will. Und mittendrin steht die neue Yamaha TRACER 9 Y-AMT
Der CP3 bleibt eine Macht
Fangen wir dort an, wo Yamaha seit Jahren alles richtig macht: beim Motor.
Der 890er-CP3-Dreizylinder ist auch 2026 noch eines der geilsten Aggregate, die man aktuell kaufen kann. 119 PS, 93 Nm Drehmoment und dieser herrlich rotzige Charakter, den Yamaha seit Jahren perfektioniert. Das Aggregat schiebt unten sauber an, dreht oben giftig raus und klingt dabei immer so, als hätte es permanent schlechte Laune.
Genau so muss ein Dreizylinder sein.
Die TRACER marschiert brutal souverän aus Kehren heraus, wirkt dabei aber nie anstrengend. Das Motorrad fährt sich kleiner, leichter und agiler, als es eigentlich ist. Vor allem auf engen Landstraßen merkt man schnell, wie verdammt gut Yamaha Fahrwerke bauen kann.
Du denkst an die Linie und die TRACER fährt sie. Fertig.
Überraschend vielseitig
Was die TRACER 9 so stark macht, ist ihre Vielseitigkeit. Du kannst damit gemütlich pendeln, am Wochenende Pässe vernichten oder einfach irgendwo auf schlechten Nebenstraßen verschwinden. Selbst wenn der Asphalt endet und nur noch Flickwerk, Schotter oder kaputte Wege übrig bleiben, bleibt die Yamaha erstaunlich gelassen, ohne jegliches Harakiri. Natürlich wird daraus noch keine Tenere, aber genau dieses spielerische „Fahr ma dort einfach weiter“-Gefühl macht die TRACER extrem sympathisch.
Dazu kommen elektronische Spielereien ohne Ende: schräglagenabhängige Assistenzsysteme, verschiedene Fahrmodi, elektronisches Fahrwerk, Tempomat, großes TFT-Display, Kurvenlicht und eben das große Thema: Y-AMT.
Die Sache mit der Automatik
Und jetzt kommen wir zum Punkt, bei dem sich vermutlich die Motorradwelt wieder in zwei Lager teilt. Ja, ich bin ja nach wie vor kein Fan von Automatik bei Motorrädern.
Die Y-AMT funktioniert technisch gesehen wirklich gut. Im entspannten Stadtverkehr ist das ziemlich angenehm. Kein Kupplungsziehen, kein dauerndes Herumschalten im Stop-and-Go, einfach locker sorglos mitschwimmen. Gerade im Alltag versteht man plötzlich, warum manche Fahrer das feiern werden.
Aber sobald man richtig am Gas hängt, merkt man auch die Grenzen des Systems. Bei harten Beschleunigungen kommt die Automatik teilweise nicht ganz hinterher. Mit 70 in der Ersten ist sicher nicht im Sinne des Erfinders. Dieses direkte Gefühl zwischen Kupplung, Schalthebel und Hinterrad fehlt einfach.
Das Motorrad macht zwar meist alles richtig. Aber eben nicht immer genau dann, wann DU es willst. Und genau dort beginnt für mich der Unterschied zwischen Motorradfahren und Motorrad bewegen. Wer sportlich unterwegs ist, wird früher oder später sowieso wieder manuell schalten wollen.
Keyless. Weil offenbar niemand mehr Schlüssel mag
Und dann hätten wir noch das nächste moderne Feature, das kein Mensch wirklich gebraucht hat: Keyless Start.
Ernsthaft Yamaha?
Warum kann man bei Motorrädern nicht einfach den guten alten Schlüssel behalten?
Das System funktioniert eh problemlos. Aber dieser ganze technische Schnickschnack ist bei einem Motorrad schlicht unnötig. Kein Mensch hat jemals gesagt: „Boah, Motorradfahren wäre perfekt, wenn mein Schlüssel komplizierter wäre.“
Schlüssel rein.
Drehen.
Starten.
Losfahren.
Das hat jahrzehntelang hervorragend funktioniert.
Stattdessen hantierst jetzt mit irgendeinem Funksender in der Jackentasche und hoffst, dass die Elektronik heute Lust auf Zusammenarbeit hat. Brave new World!
Trotzdem ein verdammt gutes Motorrad
Trotz meiner Suderei über Automatik und Keyless ist die TRACER 9 Y-AMT ein richtig gutes Motorrad geworden. Vielleicht sogar eines der besten Allround-Bikes, die Yamaha aktuell baut.
Sie ist schnell, komfortabel, brutal agil und gleichzeitig entspannt genug für lange Touren. Der Windschutz passt, der Motor macht permanent Laune und das ganze Motorrad vermittelt dieses seltene Gefühl, einfach alles zu können.
Genau deshalb funktioniert die TRACER so gut. Sie versucht nicht krampfhaft cool zu sein, Sie ist es einfach.
