Friedrich Baumann, Executive Board Member für Sales & Customer Solutions, MAN Truck & Bus (rechts) und Marc Martinez, Managing Director, MAN Truck & Bus Italia (links)
Die Elektrifizierung schwerer Nutzfahrzeuge schreitet mit bemerkenswerter Geschwindigkeit voran – und dennoch blieb bislang eine entscheidende Lücke offen. Zwischen den leichten Elektro-Verteilern und den schweren Fernverkehrsmodellen fehlte vielerorts genau jenes Fahrzeug, das im urbanen und regionalen Alltag das Rückgrat der Logistik bildet. Mit der Premiere des neuen MAN eTGM auf der Transpotec Logitec 2026 in Mailand will MAN Truck & Bus nun genau diese Lücke schließen – und setzt dabei auf eine Strategie, die in München längst zur DNA geworden ist: modulare Plattformen statt Einzellösungen. Der neue 16-Tonner erweitert das elektrische Portfolio auf eine durchgängige Bandbreite von 12 bis 50 Tonnen Gesamtgewicht.
Der fehlende Baustein für die urbane Logistik
Gerade im urbanen Verteilerverkehr steigen die Anforderungen an Transportbetriebe spürbar. Innenstädte werden restriktiver, Lärmschutz und Emissionsvorgaben verschärfen sich, während gleichzeitig steigende Energiepreise und CO₂-Mautsysteme die Wirtschaftlichkeit neu definieren. Hier positioniert MAN den eTGM bewusst als Arbeitstier für den harten Alltag: Mit bis zu 10,6 Tonnen Fahrgestell-Nutzlast, einem Zuggesamtgewicht von bis zu 33 Tonnen und Reichweiten von bis zu 480 Kilometern richtet sich der Stromer an Supermarktlogistik, kommunale Anwendungen, Bauverkehre und regionale Distribution. Besonders bemerkenswert: Im Segment oberhalb von 16 Tonnen winken vielerorts erhebliche Mautvorteile – ein Argument, das für Fuhrparkmanager zunehmend schwerer wiegt als bloße Imagefragen rund um Nachhaltigkeit.

Technik aus dem großen Regal – aber sinnvoll adaptiert
Interessant ist dabei weniger das reine Fahrzeug als vielmehr der technologische Ansatz dahinter. Denn der MAN eTGM wurde nicht als isoliertes Produkt entwickelt, sondern greift auf denselben modularen BEV-Baukasten zurück, der bereits eTGX und eTGS antreibt. Batteriesysteme, Hochvoltarchitektur und Thermomanagement stammen direkt aus den schweren Baureihen – angepasst auf das mittlere Segment. Der Elektromotor liefert 210 kW Leistung und 800 Nm Drehmoment, kombiniert mit der bekannten MAN TipMatic 2. Besonders im Stop-and-go-Verkehr dürfte die hohe Rekuperationsleistung ihre Stärken ausspielen – ein nicht unwesentlicher Faktor im Verteilerverkehr, wo Effizienz am Ende in Euro gerechnet wird und nicht in Marketingbroschüren.

Mehr als nur ein Elektro-Lkw
Dass MAN die Aufbauhersteller früh in die Entwicklung eingebunden hat, ist kein Zufall. Gerade in diesem Segment entscheidet nicht die Antriebstechnologie allein über den Erfolg, sondern die Alltagstauglichkeit. Optimierte Radstände, aufbaufreundliche Schnittstellen und sogar eine mechanische Nebenabtriebswelle (mPTO) sollen sicherstellen, dass bestehende Aufbaukonzepte ohne große Kompromisse adaptiert werden können. Damit wird der eTGM zu mehr als einem weiteren Elektro-Lkw – er wird zum Versuch, Elektromobilität dort massentauglich zu machen, wo Nutzfahrzeuge tatsächlich Geld verdienen: im täglichen Verteilerverkehr zwischen Lager, Baustelle und Innenstadt. Die Botschaft aus Mailand ist klar: MAN will nicht nur elektrifizieren – MAN will sämtliche Einsatzfelder besetzen.
