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Vom gescheiterten Versuch zur Serienlösung: Wie Köppen und Fliegl E-Transport neu denken

Der Begriff Antriebswende wird in der Transportbranche oft so leicht ausgesprochen, als ließe er sich mit einem neuen Fahrzeugtyp abhaken. In Triptis zeigt sich jedoch, wie mühsam, widersprüchlich und technisch anspruchsvoll dieser Weg tatsächlich ist – vor allem dort, wo es nicht um Stückgut, sondern um Chemielogistik, ADR-Klassen und jede einzelne Achslast geht.

Wenn Christian Andres, Fahrmeister bei der Köppen GmbH aus Duisburg, die Entwicklung der eigenen E-Strategie nachzeichnet, klingt das weniger nach Innovationsmarketing als nach einem Protokoll gescheiterter Versuche, harter Lernkurven und technischer Sackgassen. Schon 2016 beginnt die Suche nach einer elektrischen Lösung für die letzte Meile, zunächst im Rahmen des Projekts „e-Green Last Mile“. Früh wird klar: Elektrisch fahren heißt nicht automatisch elektrisch arbeiten. Die ersten Angebote – etwa von FRAMO – bleiben Versprechen. Batteriegrößen, Leistungsanforderungen von bis zu 400 kW und fehlende Motorverfügbarkeit lassen die Euphorie rasch verdampfen

Lernkurven statt Leuchtturmprojekte

Der zweite Anlauf mit dem DAF CF wirkt zunächst realistischer. Doch auch hier scheitert das Projekt – nicht an der Idee, sondern an der Realität der Vorschriften. Sondergenehmigungen mit Streckenvorgaben, eingeschränkte ADR-Freigaben und schließlich der Rückzug des Herstellers machen deutlich, was in vielen Hochglanzpräsentationen gern verschwiegen wird: Elektromobilität ist im Schwerlastbereich kein Baukasten, sondern ein Gesamtsystem.

Und dieses System muss funktionieren – jeden Tag, unter Volllast.

Aus den Rückschlägen entstehen klare Anforderungen: Serienfahrzeuge statt Prototypen, volle ADR-Tauglichkeit für Tanktransporte (AT/FL), reale Reichweiten von mehr als 300 Kilometern und ein Gesamtgewicht, das wirtschaftlich bleibt. Erst als diese Punkte erfüllt sind, ergibt sich eine Perspektive – diesmal mit MAN als Zugmaschinenpartner

Wenn die Physik widerspricht

Doch selbst mit dem passenden E-Lkw bleibt ein zentrales Problem ungelöst: die Physik.

Batterien wiegen, Achslasten verschieben sich, und gerade bei Tankcontainern entscheidet die Hinterachse über Einsatz oder Stillstand. Die theoretische Reichweite hilft wenig, wenn das Fahrzeug im Alltag an der Waage scheitert. Für viele Flotten ist genau hier die Grenze der Elektrifizierung erreicht.

Bei Köppen wird dieses Thema nicht verdrängt, sondern zum Ausgangspunkt weiterer Entwicklung. Die Frage lautet nicht: Wie bekommen wir den Lkw auf die Straße? Sondern: Wie bleibt er dort wirtschaftlich einsetzbar?

Der Trailer als Schlüsselkomponente

Die Suche nach der Lösung führt zwangsläufig zum Trailer – und damit zu Fliegl.

Beim Pressetag in Triptis wird schnell klar, dass Elektromobilität hier nicht als Zusatz verstanden wird, sondern als Konstruktionsaufgabe. Fliegl zeigt kein „E-fähiges“ Standardchassis, sondern ein neu entwickeltes Chemiechassis, das gezielt auf elektrische Zugmaschinen ausgelegt ist.

Eine optimierte Achsposition, ein leicht verlängerter Radstand und eine konsequente Gewichtsverteilung reduzieren die Sattellast – ohne Nutzlast zu verschenken. „Volle Nutzlast ohne Überladung der Hinterachse“ lautet das Ziel, und es ist kein Marketingclaim, sondern das Ergebnis nüchterner Berechnungen

Präzision statt Bauchgefühl

Für Köppen ist diese Lösung entscheidend. Die Duisburger transportieren hochpreisige Spezialchemie für Pipelineanwendungen – Ware, die nicht nur ADR-relevant, sondern auch verbrauchssteuerpflichtig ist. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an Dokumentation und Kontrolle.

Fliegl integriert daher ein Wägesystem mit vier präzisen Wiegezellen, auf denen der Container aufliegt. Jede Ladungsabgabe wird exakt erfasst und protokolliert. Der Trailer wird damit zum Messinstrument – und zum integralen Bestandteil der Prozesskette

Hier zeigt sich, wie sehr sich Trailerbau vom reinen Stahlbau zum datengetriebenen System entwickelt hat.

Fit für 2030 – nicht nur auf dem Papier

Dass diese Lösung kein Einzelstück bleiben soll, macht Fliegl unmissverständlich klar. Das Chemiechassis ist Auftakt für eine komplette Produktlinie für den Einsatz mit E-Zugmaschinen.

Parallel investiert das Unternehmen massiv in seine Infrastruktur. 11,7 Millionen Euro fließen im Rahmen von „Fit 2030“ in neue Hallen, verkürzte Produktionswege und energieeffiziente Prozesse. 74 Prozent weniger interne Transportstrecke, flächendeckende Photovoltaik, Eigenstromproduktion weit über den Eigenbedarf hinaus – Nachhaltigkeit wird hier nicht behauptet, sondern gemessen

Industrie im Wandel

Der Rundgang über das Gelände zeigt: Effizienz endet bei Fliegl nicht am Werkstor.

Neue Schweißroboter erhöhen Präzision und Reproduzierbarkeit. Gleichzeitig holen sie Fertigungstiefe zurück ins Unternehmen. Prozesse werden kürzer, Fehlerquellen weniger, Abhängigkeiten kleiner. In einer Branche, die unter Kostendruck und Lieferkettenproblemen leidet, ist das ein strategischer Vorteil.

Gleichzeitig wächst die Verantwortung – für Mitarbeitende, für Ressourcen und für Kunden, die Lösungen brauchen, keine Ankündigungen.

Elektromobilität als Gemeinschaftsprojekt

Am Ende fügt sich das Bild zusammen.

Elektromobilität im Schwerlastbereich entsteht nicht durch einen Technologiesprung, sondern durch das Zusammenspiel vieler kleiner, oft unspektakulärer Entscheidungen – von der Batterie über die Achslast bis zur letzten Schraube am Trailer.

Der Weg dorthin ist lang, manchmal frustrierend, aber er wird gangbar, wenn Hersteller und Anwender ihn gemeinsam gehen.

Was in Triptis sichtbar wird, ist deshalb mehr als ein neues Chassis oder ein weiterer E-Lkw im Fuhrpark. Es ist der Beweis, dass die Antriebswende dort funktioniert, wo sie ernst genommen wird – als technische, wirtschaftliche und operative Gesamtaufgabe.

10.02.2026

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